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Gänsereiten – Geschichte einer Barbarei

Im 16. Jahrhundert haben spanische Soldaten im Ruhrgebiet ihr Heerlager aufgeschlagen und die Bewohner der umliegenden Ortschaften in Angst und Schrecken versetzt. Neben dem Plündern der umliegenden Ortschaften, dem Brandschatzen und dem Vergewaltigen von Frauen hatten sie noch eine weitere Lieblingsbeschäftigung, das sogenannte Gänsereiten nach der „lebenden Gans“.

Für den befehlshabenden spanischen Admiral war dieser Zeitvertreib das ideale Söldner-Training, um für das Töten von Menschen in Form zu bleiben. Aus den umliegenden Ortschaften gestohlene Gänse wurden an den Füßen aufgehängt. Aus Angst und vor Schmerzen wild flatternd, baumelten die Gänse kopfüber an einem Seil. Dann begannen die Söldner mit ihrem brutalen und barbarischen Kriegstraining. Sie ritten unter den Gänsen her und griffen mit bloßen Händen nach deren Köpfen. Mit aller Kraft zerrten die Söldner an den Köpfen der gemarterten Gänse.

Immer und immer wieder wurden die Tiere malträtiert. Es bedurfte mehrerer Versuche der Söldner, doch dann irgendwann hielten die Gänsehälse dem Reissen und Zerren nicht mehr Stand. Sehne für Sehne, Muskelfaser für Muskelfaser gaben nach, bis dann schließlich mit einem lauten Krachen der Hals der Gans abriss.
Der ach so tollkühne "Gänsereiter" streckte den abgerissenen Gänsekopf als Zeichen seines Triumphs in die Höhe. Die leblosen Überreste der kurz zuvor noch lebenden Gans baumelten noch an dem Seil.

So sah dieses brutale Treiben im 16. Jahrhundert aus und hierauf berufen sich auch heutzutage noch die Gänsereiter aus Höntrop und Sevinghausen.

Als die spanischen Söldner das Ruhrgebiet verließen, wurde das Abreissen von Gänseköpfen von einer sonderbaren Gruppe Menschen in Höntrop weitergeführt. Über 200 Jahre lang wurden lebende Gänse aufgehängt und mit bloßen Händen der Kopf abgerissen.

Und wenn nicht im Jahr 1806 ein umsichtiger Landgraf das Gänsereiten mit lebend aufgehängten Gänsen verboten hätte, würde dies in Bochum auch heute noch aus alter Tradition heraus so gemacht.

Man kann es nicht oft genug betonen, die Gänsereiter sind ein besonderer Schlag von Menschen. Sie haben eine sonderbare Logik. Auf der einen Seite eifern sie den mittelalterlichen, spanischen Söldnern nach, übernehmen deren Praktiken, nämlich das Gänsereiten. Auf der anderen Seite jedoch beschreiben sie das Gänsereiten der Spanier als grausam, unmenschlich und brutal.

Wie krank muß man sein, etwas zu verherrlichen und selber zu praktizieren, wenn man es als grausam, unmenschlich und brutal beschreibt?

Wir stellen hier einige Zitate aus der Höntroper Gänsereiterzeitung 2002 vor:

Hierin heißt es über die spanischen Söldner aus dem Jahr 1598

„Raubzüge durch unsere Städte sind an der Tagesordnung. Dörfer werden erbarmungslos niedergebrannt, Vieh gestohlen, die Bewohner drangsaliert oder kaltblütig ermordet.“

Doch die Höntroper Gänsereiter eifern ihnen nach und sie schreiben in ihrer Gänsereiter Zeitung weiterhin:
„Einen schrecklichen, ungezügelten Wettkampf zu Pferde bekommen“ ( die Bauern als Zaungäste ) „zu sehen. Ihre eigenen Gänse hängen lebend, an den Füßen festgebunden, an einem Seil. Die spanischen Krieger reiten unter den Gänsen her und versuchen, ihnen die Köpfe abzureißen.“ Sie „greifen nach den blutenden Hälsen. Federn fliegen durch die Luft, die geschundenen Leiber schlagen Purzelbaum. Stürmisch wird jeder barbarische Kopfabriss von den übrigen Söldnern gefeiert und bejubelt. „

Die Gänsereiter Zeitung schreibt weiterhin:
„Das Schauspiel, das sich den ungläubigen Blicken der herbeigelockten“ ..einheimischen... „Burschen bietet ist grausam, unmenschlich und brutal. Für die gottesfürchtigen Menschen sind das hier völlig unbekannte Sitten.“ ….

Die Gänse, die sie gehütet hatten, „müssen jetzt auf so unbarmherzige Weise ihr Leben lassen.“

Man spricht außerdem von ...“Scheußlichkeiten mit den gequälten Gänsen.“

Und nun kommt es, Die Gänsereiter Zeitung zeigt selber auf, daß durch das Anschauen dieses grausamen Gänsereitens, eine Gewöhnung daran stattfindet und die Lust auf eigene Grausamkeiten geweckt wird. Die Gänsereiter Zeitung schreibt:

„Zu Beginn des Jahres 1599 hat die Bevölkerung sich allmählich an den ekelhaften Zustand gewöhnt. Aus der anfänglichen Wut und Verzweiflung wächst bei den jungen Leuten sogar schnell Begeisterung für die gewandten Reiterspiele, wobei die spanischen Krieger auch ihre Muskeln trainierten, um das Schwert kampfsicher in der Hand zu halten.“

….“Auf den Höntroper Höfen …. werden heimlich ein paar Junggänse zwischen den Deelenbalken aufgehängt und das Halslangziehen nachgeahmt.
Nur so aus Spaß.
Die Wissbegier, wie sich so ein glattgerupfter Gänsehals anfühlen würde, wie lange ein sehniger Kopf dem kraftvollen Zerren standhalten würde, ist stärker als die angeborenen guten Manieren.
Im Grunde ist man eigentlich sittsam, ehrbar, tugendhaft und gehorsam. Doch dieses neue Spielchen entwickelt sich schnell zum beliebten Wettkampf, obwohl er im Grunde unanständig ist.
Der Ehrgeiz, den Kopf als erster in der Hand zu halten, veranlasst die Bauern... öfter mal unter sich im kleinen Kreis ein Reitergefecht auszutragen.

Die Gänsereiter Zeitung schreibt:
Was zuerst anstößig, fürchterlich, unsittlich und lasterhaft aussah, ist plötzlich für die Bevölkerung ein großartiger Spaß geworden. …..nun ist das Gänsereiterfieber ausgebrochen.“

Soweit die Höntroper Gänsereiter Zeitung.
Wie gesagt, wie krank muß man sein, etwas zu verherrlichen und selber zu praktizieren, wenn man es als grausam, unmenschlich und brutal beschreibt.


 

 

 
 

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